Sexuelle Orientierung ist ein häufiger Fluchtgrund – und muss anerkannt werden!

19’000 Menschen demonstrierten unter dem Motto «No Fear To Be You». Eine bunte und friedliche Parade für gleiche Rechte für alle – speziell aber für die Rechte von LGBT-Flüchtlingen.

 
Tausende Menschen sind am Samstagnachmittag am Pride-Umzug durch die Zürcher Innenstadt marschiert. Unter dem Motto «No Fear To Be You» setzten sie sich in diesem Jahr für die Sicherheit und Rechte von LGBT-Flüchtlingen ein. Damit bekenne sich die Zurich Pride «in aller Deutlichkeit zu Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität in die Schweiz flüchten mussten», heisst es in einer Medienmitteilung der Veranstalter. «LGBTs werden in über 80 Ländern der Welt kriminalisiert.»
 
Ein Beispiel ist Walid (47). Er ist Syrer und homosexuell. Seine Neigung kommt in seinem Heimatland einem Todesurteil gleich. Seit November 2015 ist Walid nun in der Schweiz: Zum ersten Mal in seinem Leben wird Walid nicht diskriminiert. Trotzdem bangt er um die Zukunft. Der Syrer hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass er offen über seine sexuelle Orientierung sprechen kann. In der Schweiz ist seine Neigung für niemanden ein Problem. In seinem Heimatland Syrien dagegen: das sichere Todesurteil. «Du hast dort als Schwuler keine Rechte, bist Freiwild, ein Nichts. Nicht nur in der Gesellschaft – auch in der Familie», sagt Walid. «Man wird sogar von den eigenen Eltern verstossen. Die Ehre der Familie ist so heilig, dass homosexuelle Mitglieder getötet werden. Einzig, damit kein schlechtes Licht auf den Namen fällt.»
 
Sexualität findet im Verborgenen statt
Schon 1997 muss Walid sein Heimatland verlassen. Seine Sexualität kann er in Syrien nur im Verborgenen ausleben. Gleichgesinnte Freunde werden zwangsverheiratet, er selber erfindet eine Alibi-Freundin. Das Doppelleben fliegt auf – zwei Zivilpolizisten werden auf Walid aufmerksam. Die Tortur beginnt: Der junge Mann wird angefeindet und erpresst. «Die Beamten standen vor meiner Haustür, parkierten ihre Autos vis-à-vis und passten mich ab, wenn ich das Haus verliess!» Die Männer drohen, dass sie seiner Familie alles erzählen werden. Mit dieser Ansage knöpfen sie ihrem Opfer immer wieder Geld ab. Eines Tages hat Walid genug, er flieht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Dubai – und baut sich eine neue Existenz auf. Er schafft es bis ins Kader eines Handelsunternehmens und lebt sein Leben.
 
Die vermeintliche Freiheit endet im Herbst 2015 mit einer nächtlichen Polizeikontrolle. «Ich habe mit meinem Wagen einen Freund abgesetzt», sagt Walid. Er wird dabei beobachtet, festgehalten, verhaftet. Walid landet in der Zelle: «Ein Beamter outete mich vor allen Insassen als schwul. Ich wurde geschlagen, bespuckt, gedemütigt.» Walid wird aus dem Land gejagt. Sein Erspartes, die Wohnung, das Auto, die Freunde bleiben zurück. Ohne Nachricht. Ohne Wiedersehen. Vom letzten Geld zahlt er einen Flug nach Istanbul. Via Zürich soll es nach New York gehen. Doch: Im Transitbereich in Kloten ZH entscheidet er sich anders, beantragt Asyl in der Schweiz – und landet erst mal wieder im Airport-Knast. «Drei Monate wurde mein Status geprüft, erst dann kam die Duldung.»
 
Auch im Asylzentrum Schwerzenbach ZH ist er Repressalien ausgesetzt. Im Mehrbettzimmer ist unter seinen Landsleuten ein Schwuler unerwünscht. Wieder kassiert Walid Schläge. Frei reden kann er erst beim Migrationsamt. Doch der Fluchtgrund Homosexualität leuchtet auch den Beamten nicht sofort ein: «Als Schwuler ist man schnell in der Beweisschuld!»
Die Erinnerungen lassen Walid auch in der sicheren Schweiz nicht schlafen. Meist liegt er die Nacht wach. In die Sorge um die Verwandtschaft im geplagten Syrien mischt sich Angst vor der Zukunft. «Ich lerne hier Deutsch, baue mir zum dritten Mal im Leben eine neue Existenz auf und fürchte, dass alles umsonst ist.»
 
Es steht in den Sternen, ob Walid in der Schweiz bleiben darf. Mit einer möglichen F-Bewilligung würde der Syrer nur geduldet. Sollte der Krieg in seiner Heimat ein Ende finden, könnte sein Status verfallen. Seinen Frieden würde er in seiner Heimat nicht finden. Denn in einem sind sich auch die verfeindeten Lager einig: Schwule haben in Syrien nichts verloren.  
 
Mit der Teilnahme an der Pride zeigen wir Solidarität. Denn niemand soll sich aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität in der Schweiz und in der Welt diskriminiert fühlen!